VON MAREIKE HEIHOFF
Hessische Allgemeine (Kassel-Süd) vom 12.01.2026, Seite 3
Andrang bei der Bahnhofsmission an diesen kalten Tagen – Es geht auch um Gemeinschaft
Kassel – „Kannst du mir sagen, wo die Isomatten sind?“, fragt ein Mann in der Bahnhofsmission am Bahnhof Wilhelmshöhe. Er hat bereits eine Isomatte an seinen Rucksack geschnallt, mit der zweiten möchte er sich für die tiefen Temperaturen wappnen. Damit ist er nicht der einzige: „Wir haben hier Schlafsäcke bis zu minus 20 Grad und Isomatten, damit statten wir die Menschen aus, bei denen wir wissen, dass es notwendig ist“, sagt Moritz Bachmann, Leiter der Bahnhofsmission. Täglich vermittelten sie außerdem ein bis zwei Personen an die Notunterkünfte der Stadt und der Heilsarmee.
Die Bahnhofsmission ist in diesen Tagen eine gut besuchte Anlaufstelle für Bedürftige und teilweise Wohnungslose. Kürzlich seien an einem Sonntag 140 Menschen zu ihnen gekommen. „Wir sind eine der wenigen, die sonntags geöffnet haben“, erklärt Bachmann. Diese Menge an Menschen mit vier bis fünf Ehrenamtlichen zu bewältigen, sei eine Herausforderung.
Lob für die professionelle Arbeit bei der Bahnhofsmission erhalten sie von einer jungen Frau, die sich gerade aufwärmt. „Das war eine heikle Situation, aber das Personal hat das gut gemeistert“, sagt eine junge Frau. Sie bezieht sich auf Probleme mit einem Besucher, der kurz zuvor schlechte Stimmung verbreitet und das Personal beschimpft hat. „Hier kommen auch Menschen her, denen es wirklich schlecht geht“, erklärt die Frau und bezieht sich auf psychische Auffälligkeiten.
Sie selbst kommt vor allem wegen der Gemeinschaft und Barmherzigkeit, besonders wenn ihre Sozialhilfe nicht reicht. „Manchmal komme ich drei Monate nicht, aber wenn ich dann seelische Not habe, wenn ich innerlich kalt bin, dann wieder öfter“, erklärt sie. Kurz darauf präsentiert sie ihre Kleidung, die sie äußerlich warm hält: Ihre Stiefel hat sie aus der Kleiderkammer der Bahnhofsmission. „Die Stiefel sind ohne Löcher und sogar gefüttert“, sagt sie begeistert und zeigt das Schuhfutter.
Am Tisch neben ihr spielen zwei Männer Uno, sie sind täglich hier. „Das Beisammensein mit Freunden“ ist die Antwort von einem der beiden auf die Frage, warum sie so oft kommen. Sein Mitspieler pflichtet ihm bei: „Und die Geselligkeit.“ Kurze Zeit später quetschen sich eine Frau und ein weiterer Mann an den kleinen Holztisch: „Können wir mitspielen?“, fragen beide, kurz darauf beginnt die Partie mit vier Menschen.
In den vergangenen Jahren sei die Anzahl der Besucherinnen und Besucher stark angestiegen, sagt Moritz Bachmann, der seit 2021 bei der Bahnhofsmission ist. „Damals waren es noch so 30 bis 50 Leute, mittlerweile sind es an die 100 Gäste am Tag“, so der Leiter. Er berichtet außerdem, dass immer mehr ältere Menschen vorbeikommen: „Viele leiden an Altersarmut.“ Mit 40 Ehrenamtlichen stemmen sie den Bedarf. „So ein paar mehr, die am Wochenende arbeiten könnten, suchen wir noch.“
Kostenfrei geben die Freiwilligen Tee, Kaffee und Kakao aus, auch belegte Brötchen werden angeboten. „Jeden zweiten Tag gibt es Sandwiches von Subway“, sagt ein Besucher begeistert. Schon oft habe die Bahnhofsmission ihn bei Hunger und Durst gerettet. Besonders gefällt ihm, wie die Ehrenamtlichen mit den Gästen umgehen: „Das ist alles auf Augenhöhe hier, das ist das Schöne.“ Er ist oft nur eine halbe Stunde vor Ort, viele seien aber auch länger da. „Viele sind auch einsam“, sagt er. Für ihn geht es danach wieder zurück nach Hause: In seiner Wohnung im Kasseler Umland bietet er in diesen Tagen zwei Menschen Obdach. „Ich habe auch schon bei ihm übernachtet“, sagt der neu hinzugekommene Uno-Spieler.
„Der Großteil der Gäste hat eine Unterkunft“, sagt Bachmann. Nur ein kleiner Teil schlafe auf der Straße. Manche seien aber auch gut im Verstecken. „Viele versuchen den Anschein zu erwecken, sie hätten ein ‚normales Leben‘“, so der Leiter. Diejenigen, die auf der Straße leben, blieben aktuell aber häufig den ganzen Tag bei der Bahnhofsmission. Kein Wunder –bei diesen Temperaturen.
Förderung
Aufgrund der steigenden Nachfrage bei der Bahnhofsmission und Veränderungen bei deren Finanzierung hat die Stadt Kassel in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen, der Organisation Zuwendungen in Höhe von 70.000 Euro zukommen zu lassen. Bisher lag die Unterstützung bei 25.000 Euro. Die Erhöhung bezieht sich zunächst nur auf das Jahr 2026, alternative Finanzierungsmöglichkeiten würden im Laufe des Jahres geprüft. Im Zentrum stehe die Finanzierung des hauptamtlichen Personals, sodass die Ehrenamtlichen einen Ansprechpartner haben.
Er unterstützt die Menschen hauptamtlich: Moritz Bachmann ist Leiter der Bahnhofsmission in Wilhelmshöhe. © Foto: Mareike Heihoff

